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Die Wände der Schanze

Fotos aus den letzten 30 Jahren von Martin Musiol

Das Buch "Die Wände der Schanze"  ist im Verlag "Auf der Warft", Münster erschienen. Diese Sammlung von ca. 100 SW und Farbbildern beschreibt die Kommunikation der Menschen an den Wänden und deren Entwicklung in den letzten 30 Jahren. Manch eine alte Inschrift muss heute schon erläutert werden, denn wem sind Strauß und Barschel heute noch geläufig

Das Buch kann unter Kontakt bei mir bestellt werden ( 21,80€ +Porto)

 

 

Einleitung

 

Eigentlich ist das Schanzenviertel erst seit 2005 ein eigener Stadtteil im Bezirk Altona. Bis dahin war dieses Wohngebiet verwaltungstechnisch aufgeteilt auf St. Pauli, Altona und Eimsbüttel. Trotzdem hat es sich mit einer ganz eigenen Identität entwickelt.

Den Namen hat das Quartier von der sternförmigen Befestigungsanlage vor den eigentlichen Wallanlagen Hamburgs. Es kam allerdings nur einmal zu einer kriegerischen Auseinandersetzung, als 1686 zweitausend Hamburger einem dänischen Angriff und einer Belagerung durch 12.000 Soldaten standhielten. Die Dänen gaben nach hohen Verlusten den Angriff auf Hamburg auf.

Nach 1800 wurde die inzwischen militärisch nutzlose Anlage geschliffen. Nur der Hügel im Sternschanzenpark mit dem Wasserturm/Hotel erinnert noch daran.

Der größte Teil der anschließenden Bebauung entstand von der Gründerzeit bis zum 1. Weltkrieg. Die Bombenangriffe 1943 haben einige Lücken gerissen, die erst jetzt, sechzig bis siebzig Jahre später, durch moderne Architektur geschlossen wurden.

Ursprünglich war die Schanze ein Arbeiterviertel mit der Nähe zum Hafen, zu Werften, zum Schlachthof, zu Montblanc etc.

Als innerstädtisches Wohnen in nicht sanierten Altbauten unattraktiver wurde, zogen Studenten wegen der Uni–Nähe und „Gastarbeiter“ wegen der billigen Mieten in die Wohnungen ein.

Das Zuwandern der offenen Drogenszene in den 90ern schien dem Viertel den Rest zu geben.

Aber Investoren sahen jetzt ihre Chance („Schanze“). Die „Gentrifizierung“ griff: Mietsteigerungen durch Edelsanierungen vertrieben die alteingesessenen Bewohner. Junge Leute mit hohem Einkommen ( „die Werbebranche“) zogen nach. Gastronomie verdrängt bis heute die kleinen Läden des täglichen Bedarfs.

Die Schanze gehört inzwischen zu den Bezirken mit den teuersten Mieten in Hamburg und ist die Party-Meile der Metropolregion.

 

Auf der anderen Seite ist sie aber auch immer ein „linker“, unangepasster Stadtteil gewesen und geblieben:

Schon zur Kaiserzeit belauschte die Geheimpolizei die Gespräche der Arbeiter in den Eckkneipen. Carl von Ossietzky arbeitete 1921 hier in einem Verlag „für die Weltrevolution“. Eine Reihe von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und SA vor 1933 sind belegt. Ganze Straßenzüge waren damals zum 1. Mai rot beflaggt, man sah nur wenige Hakenkreuze.

Ab den 60er Jahren reihte sich eine linke Demonstration an die nächste. Viele, z.T. auch international agierende, linke Gruppierungen ( bzw. was sich dafür hielt) hatten hier ihre Wirkungsfeld und die RAF ihre Sympathisanten. Die Grünen/GAL erreichten hier ihre besten Wahlergebnisse. Häuser wurden besetzt, Widerstand gegen Großprojekte organisiert, der Umbau der Flora in ein Musical-Theater wurde verhindert. Dann wurde die leer stehende Flora besetzt und bis heute als autonomes Stadtteilzentrum geführt. Dieser Revoluzzerruf zieht seither jedes Jahr „Autonome“ und krawallbereite Jugendliche aus ganz Norddeutschland an, um in der Nacht nach dem (behördlich nicht angemeldeten) Schanzenfest Barrikaden anzuzünden und sich von der Polizei jagen zu lassen.

 

Viele dieser Menschen und Ereignisse haben ihre Spuren an den Wänden der Schanze hinterlassen.

Ein fotografischer Rückblick auf die letzten 30 Jahre.

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© Petra Musiol