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Geschichten zur Susannenstraße

 

HH19 November 95                                          

Viele GroßstäderInnen leben ohne Kontakt zu NachbarInnen und ihrem Stadtteil. Ganz anders Martin Musiol aus der Susannenstraße. Er lebt mit den Menschen um sich herum; er recherchiert die Geschichte der kleinen Straße und ihrer BewohnerInnen im Schanzenviertel, er schreibt sie auf und beteiligt sich an der Gestaltung des Viertels. Auf dem jährlichen Flohmarkt des Schanzenviertels bietet ein freundlicher Mann mit Schnauzbart ein kleines Druckwerk feil. Titel: „Geschichten, Interviews, Bilder rund um die Susannenstraße im Schanzenviertel“. Der Mann outet sich als Herausgeber des Büchleins: Martin Musiol, Lehrer, wohnhaft in der Susannenstraße 14a – und in der Freizeit Schichtsschreiber des Schanzenviertels.

Das macht er gut: Seine geschichten rund um die „Susanne“ sind ein spannendes, dreistündiges Lesevergnügen. Zum Beispiel die über den „Lord von Barmbeck“. Der erleichterte 1920 das heute noch in der Susannenstraße 30 beheimatete Postamt um 221.000 Mark in bar und 335.000 Mark in Briefmarken. Nachweisen konnte es ihm bis heute niemand … oder seine Geschichte über das RAF-Mitglied Susanne Albrecht. Am Ende fragt sich Martin Musiol: „Warum habe ich Susanne Albrecht auf den Fahndungsplakaten nach dem Ponto-Mord nicht erkannt, obwohl ich jahrelang nur fünfzig Meter entfernt gewohnt habe. Ist sie eine so unscheinbare Person gewesen?“ Der Stadtteilaktivist lebt schon lange gemeinsam mit Frau Petra und Sohn Leon in einer gemütlichen Hinterhofwohnung in der Susannenstraße: „Ich lebe seit 22 Jahren in der Susannenstraße, in dieser Zeit habe ich viel Material über das Viertel gesammelt und alles in eine Kiste gepackt. Den Inhalt wollte ich eigentlich später als Pensionär sichten. Ich habe sie dann doch früher geöffnet. Als unser Sohn geboren wurde und wir hier Wurzeln schlagen wollten, fragte ich mich: In welchem Boden wollen wir eigentlich wurzeln?“

Die erste Ausgabe der Geschichten über die Susannenstraße stellt er anläßlich des neunzigjährigen Jubiläums der Terrassenhäuser in der Straße zusammen:“Die Geschichten fanden reißenden Absatz“. Im Laufe der Zeit hätten sich immer mehr Kontakte zu den Nachbarn ergeben. Und: „Ich habe gezielt den Kontakt zu anderen Eltern gesucht, um gemeinsam die Beaufsichtigung der Kinder zu organisieren, so ist die Spileplatzini entstanden.“ Damit meint er die Spielplatzinitiative „BaSchu“ (HH19 -10/95), die er mitgegründet hat. „BaSchu“ will den Platz zwischen Bartelsstraße und Schulterblatt nicht nur zu einem Spielplatz umgestalten, sondern einen Platz für alle AnwohnerInnen schaffen.

Martin Musiol lebt gerne im Schanzeviertel: „Ich mag die Menschen, die hier leben und interessiere mich für ihre Geschichten. Ich mag die lebendige Szene und die Toleranz, die hier unter den Menschen ist.“ Mit dem Schreiben der Geschichten aus dem Viertel will er weitermachen. Momentan beschäftigt er sich mit den ehehmaligen jüdischen Geschäften am Schulterblatt und den Hells Angels.

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© Petra Musiol